Badische Zeitung, 19. Februar 2009

Als Basis nahe bei den Menschen

SPD-Stützpunkt Gersbach feierte 40-jähriges Bestehen / Langfristiger Einsatz, der sich lohnt


GERSBACH (BZ). Im Beisein zahlreicher Genossen und kommunalpolitischer Wegbegleiter, darunter der ehemalige Landtagsabgeordnete und Staatssekretär Peter Reinelt, Kreisrat Herbert Baier und Ortsvorsteher Ralf Ühlin, feierte der SPD-Stützpunkt Gersbach sein 40- jähriges Bestehen.

Peter Ulrich, Vorsitzender der Schopfheimer SPD, bezeichnete die Arbeit des Gersbacher Stützpunktes als einen beeindruckend gut funktionierenden kommunalpolitischen Mikrokosmos, der beispielhaft sei für die Parteiarbeit auf höherer Ebene. Das im Bergdorf über Jahrzehnte hinweg bewiesene Engagement zeige zum einen, dass sich kommunalpolitischer Einsatz für eine Gemeinde lohne, aber auch, dass erfolgreiche politische Arbeit oft einen langen Atem brauche, wenn sie Früchte tragen soll.


Dem besonderen Lob für das kontinuierliche kommunalpolitische Wirken der Frontleute Rolf Strohm und Horst Sutter in den vergangenen 40 Jahren schloss sich Peter Reinelt in seinem Grußwort an, in dem er auch auf die Sorgen und Nöte der Menschen angesichts der Folgen eines überbordenden Kapitalismus einging und sich kritisch mit der Zukunft seiner Partei auseinander setzte. Er sei zwar überzeugt, dass die sozialdemokratischen Ideen wieder erstarken werden, denn anders könnten sich die Menschen nicht gegen Auswüchse des globalen Marktes wehren. Dazu müsse die SPD aber die jungen Menschen als spätere politische Träger dieser Ideen gewinnen. Bei dieser Aufgabe komme der Basis wie in Gersbach besondere Bedeutung zu, weil sie nahe bei den Menschen sei.

Dass sich politische Ziele nur selten kurzfristig umsetzen lassen und viele Entwicklungen auch einen Reifeprozess durchlaufen müssten, sich der mühsame langfristige Einsatz insgesamt aber lohne, bestätigte Kreisrat Baier in einer launigen Rede. Die Zusammenarbeit, insbesondere mit Rolf Strohm und Horst Sutter, habe eine fruchtbare kommunalpolitische Basis in der größer gewordenen Stadt Schopfheim geschaffen und dazu beigetragen, Infrastruktureinrichtungen zu ermöglichen, die später Grundlagen schufen für die Entwicklung zum Golddorf, erklärte Artur Cremans. Ein Beispiel sei die Bergkopfhalle, zu deren Zustandekommen unter anderem der damalige Fraktionsvorsitzende Robert Zapp einen wichtigen Beitrag geleistet habe. Hans Sääf, einer der frühen Ortsvereinsvorsitzenden, attestierte Gersbach in einem Glückwunschschreiben eine überaus positive Entwicklung, die zur Steigerung der Lebensqualität beigetragen habe in einem Dorf, in dem ganz offensichtlich weniger geschimpft als gehandelt werde.

Sowohl gesellschaftliche, bundespolitische als auch kommunale Gründe hätten zur Ortsvereinsgründung geführt, erinnerte Rolf Strohm in seinem Rückblick. Mit vielen anderen Jugendlichen zusammen habe man Ende der 60er Jahre gespürt, dass es nicht ausreiche, nur im stillen Kämmerlein „für Versöhnung zu sein", um die lähmende Spaltung von Ost und West zu überwinden. Für viele Nachkriegsjugendliche sei es ein Bedürfnis gewesen, über die Vergangenheit offen zu sprechen, das oft lähmende Schweigen über eine unselige Vergangenheit zu beenden, Schuld einzugestehen, die Hand zu reichen und durch offene Diskussionen aus der geistigen Enge heraus zu finden. Für junge Leute seien Gewerkschaften und Parteien nicht „megaout" gewesen wie heute, weil sie den Jugendlichen eine Plattform geboten hätten für Auseinandersetzungen.

Dass der Vorstand schon bald nach der Gründung einen regelrechten Mitgliederboom melden konnte, sei auch auf die damaligen kommunalen Bedürfnisse der Gersbacher Bevölkerung und einige Missstände zurückzuführen gewesen, die sich zum Beispiel in Anträgen spiegelten, die Ortsvorsteher Ühlin im Gemeindearchiv entdeckt und kopiert als Geschenk mitgebracht hatte. Darin forderten kommunale Vertreter des SPD-Ortsvereins beispielsweise heute selbstverständliche Dinge wie Stangen an den Hydranten, damit sie beim Schneebahnen nicht gefährdet werden und im Brandfall unter den Schneebergen gefunden werden konnten. Für den Winterdienst wurde der Kauf einer Schneefräse gefordert. Mit Nachdruck forderte die SPD einen Parkplatz am Dorfeingang, um an schönen Winter- oder Sommertagen der Autoflut Herr werden zu können. Erreicht worden sei auch, dass Gemeinderatssitzungen nicht weiterhin nach Gutdünken des Bürgermeisters von einem zum anderen Tag einberufen wurden. Das kommunale Arbeitsklima im Gemeinderat sei damals nicht so konstruktiv gewesen wie das gottlob heute im Ortschaftsrat der Fall sei, erinnerten sich Rolf Strohm Horst Sutter.

Nach 40 Jahren könne man feststellen, dass viele der damaligen Ziele auch heute noch auf der Agenda stehen. Der Kampf um das Bestehen der Landwirtschaft beispielsweise gehe weiter trotz etlicher Maßnahmen in der Weidewirtschaft, im Wegebau oder auch Initiativen wie der Fleischdirektvermarktung oder der Chäs-Chuchi.

 

Badische Zeitung, 20. Februar 2009

Blick zurück voller Stolz

 
Erinnerung an bemerkenswerte Initiativen zum 40-jährigen Bestehen der SPD in Gersbach

GERSBACH (BZ). In ihrer Rückschau zum 40-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins Gersbach (wir berichteten bereits) erinnerten sich die Gründungsmitglieder Rolf Strohm und Horst Sutter an einige besonders bemerkenswerte SPD-Initiativen bis zur Fusion mit der Schopfheimer SPD anno 1975.

Die Förderung des Fremdenverkehrs als wirtschaftliches Standbein neben der Landwirtschaft habe immer eine wichtige Rolle in den Überlegungen zur Zukunftssicherung des Bergdorfs gespielt, erinnerte Rolf Strohm. In Absprache mit dem Verkehrsverein habe man 1969 durch Gästeumfragen den Bedarf an touristischen Einrichtungen zu erfragen versucht. Als der Badebetrieb eingestellt wurde, habe man in der Nutzung des Waschhauses für die Gästebetreuung mit Sauna, Fitnessräumen und Leseraum eine Chance gesehen.

Noch größere Hoffnungen hätten sich eröffnet, als seitens der Gemeindeverwaltung Konzepte für ein Feriendorf am Bergkopf vorgelegt wurden. Schon bald seien jedoch Zweifel aufgekommen. Die vorgelegten Pläne seien total überzogen gewesen, hätten nicht in die Landschaft gepasst und wären für die Wohnbevölkerung nicht zumutbar gewesen.

Eine von der SPD ins Spiel gebrachte „sanftere" Alternative der Deutschen Entwicklungsgesellschaft sei von der Ratsmehrheit abgeschmettert worden. Die jedoch bröckelte, als die Investoren versuchten, den Gemeinderat in Marathonsitzungen niederzuringen. Das habe zum offenen Widerstand des SPD-Ortsvereins geführt, erinnerte Horst Sutter. Mit Vertagungstricks habe man sich in die jeweils nächste Verhandlungsrunde gerettet. Am dreistesten sei das „Angebot" der Baugesellschaft gewesen, die Dörfler mit einem „geschenkten" Hallenschwimmbad ködern zu wollen, für das die Gemeinde später „nur" die Unterhaltskosten zu zahlen gehabt hätte. Letztlich hatte der Spuk dann durch den Schwarzwalderlass ein Ende.

Ortsvorsteher Ralf Ühlin regte an, gelegentlich diesen Teil der kommunalen Geschichte aufzuarbeiten und zu veröffentlichen, auch um zu zeigen, dass sich kontinuierlicher Einsatz für die Gemeinschaft letztlich immer lohne.

Um 1970 habe sich der Ortsverein vehement gegen einen Schulhausan- oder Umbau im Rathauskomplex gewandt und stattdessen den Schulhausneubau am jetzigen Standort befürwortet, weil nur hier eine funktionale Schule mit Pausenhalle, Kleinturnhalle und einem besonnten Schulhof verwirklicht werden konnte. Dass man sich damals mit Unterstützung des Kraftsportvereins gegen eine gefor¬derte Kleinschwimmhalle mit Gymnastikraum wandte und stattdessen beim Re¬gierungspräsidium eine Kleinturnhalle erkämpfte, gehöre zu den Dingen, an die man sich als SPD-Ier gerne zurückerinnere.

Mit Unterstützung des SPD-Landtagsabgeordneten Lorenz sei man schließlich„auf den letzten Drücker" noch in das Schulbauprogramm aufgenommen worden. Diese Kontakte hätten sich auch bei der Zuschussbewilligung für einen Ausbau der Landesstraße zwischen Schopfheim und Gersbach-Au bewährt.

Als positives Beispiel kommunaler Arbeit der SPD Gersbach in Erinnerung geblieben ist Rolf Strohm auch der Kampf um die Einführung einer freiwilligen Müllabfuhr in Gersbach. Im Winter habe es damals eine „Zweiklassengesellschaft" gegeben, einerseits Bürger, die einen Müll-Aufbewahrungsraum hatten und andererseits Mieter, die nicht wussten, wo sie ihren Müll „überwintern" sollten.

Stolz ist man auch auf den Erfolg der SPD Gersbach auf Erfolge bei der Eingemeindung. Die SPD habe damals alle Energie in die Gespräche mit Schopfheim gesetzt, um für Gersbach zu retten, was an Eigenständigkeit noch zu retten war. Mit Walter Faller als damaligem Bürgermeisterstellvertreter, Meinrad Rümmele und Horst Sutter sei ein Konzept erarbeitet worden, das Grundlage wurde für den Eingemeindungsvertrag, der Gersbach aufgrund eine Restverwaltung sicherte.

Die Einladung zu einem Treffen mit Bundespräsident Gustav Heinemann im Schlechtbacher Auerhahn bezeichnete Strohm als beeindruckendes Erlebnis in der Geschichte des damals noch selbständigen SPD-Ortsvereins.

Die Hoffnung, dass man die Jugend im Dorf halten könne, habe sich erfüllt. Geblieben sei die Sorge um den Bestand von Landschaft und Landwirtschaft.

 

 Die Festtafel zur Jubiläumsfeier
 
Ute Strohm und Ortsvereinsvorsitzender Peter Ulrich
Staatssekretär a. D.  Peter Reinelt mit Ehefrau (Fotos Rolf Strohm)


Grußwort des SPD-Fraktionsvorsitzenden


Lieber Rolf, mein Gesundheitszustand ist weiterhin nicht gut, so dass ich zu meinem großen Bedauern für Morgen endgültig absagen muss. Ich wäre so gerne gekommen, vor allem weil ich wohl mittlerweile zur abnehmenden Zahl der Zeitzeugen Eurer Gründung in Gersbach gehöre. Ich erinnere mich noch gut an einige Sitzung in Gersbach – ich meine sie waren teilweise im Partykeller von Udo Dreefs – und habe auch noch das Sächseln des Genossen Metze im Ohr. Ich bin mit meinem Wagen (dem alten Fiat 1600) mit Schneeketten nach Gersbach gefahren. Der Schnee war teilweise so hoch, dass er bis zum Bodenbrett des Fiat reichte. Walter hat sich immer aufgeregt, weil der Genosse Metze unbedingt eine Ortsvereinssatzung haben wollte, was für unseren Walter, der ja ein ausgewiesener Pragmatiker war, wie ein rotes Tuch wirkte. Ich erinnere mich auch noch an den Genossen Sääf, den in als großen Blonden vor mir sehe. Viele Gespräche mit Dir, Horst Sutter und anderen haben schließlich eine gute Basis für die Gersbacher Sozialdemokraten ergeben. Wenn auch die Erfolge wechselnder Art waren, so hat sich die Gründung und später Vereinigung mit dem OV Schopfheim in jedem Falle gelohnt. Du hast wesentlichen Anteil, dass die Zusammenarbeit im kommunalpolitischen Bereich auch für die größer gewordene Stadt Schopfheim gute Ergebnisse brachten. Viele Maßnahmen, wie z. B. die Halle Gersbach und die vielen anderen Infrastruktureinrichtungen waren schließlich auch die Grundlagen für das Golddorf. Trotz einiger – manchmal verständlicher – Eifersüchteleien in unseren Beratungen haben wir gemeinsam immer Wege gefunden, die wir alle gehen konnten. In diesem Sinne wäre morgen auch mein Beitrag ausgefallen. Ich wäre Dir deshalb dankbar, wenn Du für mich morgen diese Zeilen verlesen könntest.

Ich wünsche Euch einige nette Stunden und grüße herzlich aus Schopfheim

Euer Artur
Cremans